Für Marxist:innen ist Imperialismus keine Politik, die von einigen Parteien oder Regierungen verfolgt wird. Es handelt sich um ein globales System des Wettbewerbs zwischen kapitalistischen Staaten. Von Judy Cox
Donald Trump hat die Weltdiplomatie ins Chaos gestürzt. Liberalen Kommentatoren zufolge hat er die globale Sicherheit gefährdet. Aber die Menschen in Gaza, im Sudan und in der Ukraine kannten kaum Sicherheit, noch bevor Trump internationale Verträge und Konventionen zerriss.
Wir leben in einem permanenten Kriegszustand oder in der Vorbereitung auf einen Krieg. Diese Kriege sind nicht nur in den Ambitionen politischer Führer verwurzelt – sie sind Ausdruck des Imperialismus.
Der Begriff »Imperialismus« wird oft verwendet, um das Römische Reich oder die britische Herrschaft in Indien in der Vergangenheit zu beschreiben. Das Wort wird in Diskussionen über die heutigen Kriege des Westens selten verwendet, ist aber für jede ernsthafte Analyse notwendig.
Für Marxist:innen ist Imperialismus keine Beschreibung der Vergangenheit oder eine von einigen Parteien oder Regierungen verfolgte Politik. Imperialismus im Kapitalismus ist kein mächtiger Staat, der seine Nachbarn beherrscht. Es ist ein globales System des Wettbewerbs zwischen kapitalistischen Staaten.
Konkurrenz als Zwang
Im 19. Jahrhundert beschrieben Karl Marx und Friedrich Engels, wie der Wettbewerb um Gewinne dazu führte, dass Unternehmen andere in den Ruin trieben und sie dann aufkauften. Die überlebenden Unternehmen wuchsen zu riesigen Konzernen heran. Der endlose Wettbewerb um Rohstoffe, Arbeitskräfte und Märkte zwang die kapitalistische Klasse dazu, über ihre eigenen Territorien hinaus weltweit zu expandieren. Die britische Ostindien-Kompanie führte mit einer Armee von 250.000 Mann die Plünderung Indiens an, bevor die britische Regierung die Kontrolle übernahm.
Privatunternehmen sind auf Nationalstaaten angewiesen, um ihre Interessen zu verteidigen, sodass Unternehmen und Nationalstaaten zunehmend voneinander abhängig werden. Dies führte zu einem verschärften globalen Wettbewerb und den mit dem Wettlauf um Afrika in den 1880er Jahren verbundenen Gräueltaten. Zu dieser Zeit kämpften westliche Staaten darum, große Teile des Kontinents zu plündern und auszubeuten. »Die Kapitalisten teilen die Welt nicht aus persönlicher Böswilligkeit auf, sondern weil der erreichte Grad der wirtschaftlichen Konzentration sie dazu zwingt, diese Methode anzuwenden, um Gewinne zu erzielen«, schrieb der russische Revolutionär Nikolai Bucharin 1915.
Imperialismus als höchste Stufe internationaler Konkurrenz
Ein anderer russischer Revolutionär, Wladimir Lenin, erklärte, dass der Erste Weltkrieg ein imperialistischer Krieg war. Ein »räuberischer Plünderungskrieg auf beiden Seiten, es war ein Krieg um die Aufteilung der Welt«. Beim Imperialismus geht es nicht nur darum, Ressourcen aus ärmeren Ländern zu stehlen. Es geht auch darum, sich einen strategischen Vorteil gegenüber rivalisierenden Mächten zu verschaffen.
Lenin beschrieb dieses wesentliche Merkmal des Imperialismus als »das Streben nach Hegemonie, nach der Eroberung von Territorium«. Imperialistische Mächte können militärische Operationen durchführen, nicht um sich selbst zu begünstigen, sondern um ihre Gegner zu schwächen.
Der Imperialismus verändert sich mit der Entwicklung des Kapitalismus. Der Wettbewerb zwischen Mächten wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Russland führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ersten Weltkrieg. Der zunehmende Druck, Imperien zu errichten und zu schützen, führte zum Zweiten Weltkrieg.
Die Konkurrenz mit China
Der Zweite Weltkrieg führte zum Aufstieg zweier rivalisierender imperialistischer Blöcke – des Westens unter Führung der USA und des Ostens unter Führung des stalinistischen Russlands. Der Zusammenbruch des stalinistischen Russlands führte nicht zu einer versprochenen neuen Welt des globalen Friedens unter der Führung der USA. Die USA kämpften darum, ihre globale Position durch eine Reihe brutaler Kriege im Nahen Osten zu behaupten, erlitten jedoch eine Reihe von Niederlagen. Heute stehen wir vor dem Aufstieg neuer imperialistischer Mächte wie China und mehrerer regionaler imperialer Mächte wie Israel, der Türkei und Australien, die um die regionale Vorherrschaft konkurrieren.
Trump will sich mit Wladimir Putin arrangieren, um sich auf China konzentrieren zu können, welche die größte Bedrohung für die Macht und den Einfluss der USA darstellt. Der US-Präsident ist in dasselbe System eingebunden wie seine Rivalen und seine Vorgänger. Kein Waffenstillstand, kein Vertrag und keine internationale Organisation kann der zerstörerischen Kraft des Imperialismus Einhalt gebieten.
Aber selbst die militärisch fortschrittlichsten Mächte sind durch den massiven Widerstand der Bevölkerung verwundbar. Kriege lösen Krisen aus, in denen Millionen von Menschen aus der Arbeiterklasse beginnen, sich gegen die kapitalistische Barbarei aufzulehnen.
Der Artikel erschien zuerst am 21. Februar 2025 auf Socialist Worker. Aus dem Englischen von Simo Dorn.
Titelbild: Destroyed Bakhmut / WikiCommons